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Curitiba - Das Tor zur öko-sozialen Transformation

Curitiba ist eine Stadt im Südosten Brasiliens mit einer Bevölkerungszahl die etwa Houston und Philadelphia gleicht. Mit vielen Hunderten anderen Städten ähnlicher Größe teilt sie die gefährliche Kombination von sehr wenig Ressourcen und einem explosiven Bevölkerungswachstum.  So stieg die Einwohnerzahl im Großraum Curitiba von etwa 300000 im Jahr 1950 auf 2,1 Millionen im Jahr 1970. Darunter sind etwa 42% unter 18 Jahre alt.[1] Bis zum Jahr 2020 soll es eine weitere Erhöhung um 1 Millionen Menschen geben.

Die meisten Städte in Brasilien wie überall in den Entwicklungsländern, die vor einer solchen Herausforderung stehen, sind Zentren von Armut, Arbeitslosigkeit, Schmutz, Krankheit, Ausbeutung, Analphabetentum, Ungerechtigkeit, Verkehrschaos, Umweltzerstörung, Korruption und auch Verzweiflung. Curitiba aber hat durch die Verbindung von kluger und verantwortungsvoller Politik mit kreativem Unternehmertum einen gänzlich anderen Weg bestritten und damit genau das Gegenteil erreicht. Die Stadt ist aufgeblüht, weil sie ihre Bürger und vor allem auch ihre Kinder, nicht als Last, sonder als wertvolle Ressource, als Erbauer der Zukunft behandelt hat. Nicht zentrale Planung sondern eine weitsichtige, pragmatische Führung mit integrativen Gestaltungsprozessen hat diesen Erfolg möglich gemacht. Eine starke Beteiligung der Öffentlichkeit und der Geschäftswelt sowie von allen getragene Visionen jenseits von Parteilichkeit sind die Grundlagen dafür.

 

An einem Freitagabend im Jahr 1972, um sechs Uhr, eine Stunde nachdem die Gerichte geschlossen hatten, begann die Erneuerung von Curitiba. Städtische Arbeiter begannen, mit Preßlufthämmern den Bürgersteig des historischen Boulevards, der Rua Quinze de Novembro, im Stadtzentrum aufzureißen. Rund um die Uhr verlegten sie Pflastersteine, installierten Straßenlaternen und Kioske und pflanzten Zehntausende von Blumen. 48 Stunden später war ihre minutiös geplante Arbeit vollendet. Brasiliens erste Fußgängerzone – eine der ersten der Welt – war bereit, in Betrieb genommen zu werden. Montagmittag war sie so überbevölkert, dass die Ladeninhaber, die zuvor mit Klagen gedroht hatten, weil sie zu wenig Zulauft befürchteten, die Ausdehnung der Zone beantragten. Einige Leute pflückten die Blumen, doch die Stadtarbeiter pflanzten sie umgehend nach, Tag für Tag. Bis die Plünderungen aufhörten. Am folgenden Wochenende, als Automobilclubmitglieder damit drohten, die Straße wieder in Beschlag zu nehmen, wurde ihr Autokorso von einem Heer von Kindern zurückgedrängt. Die Kinder malten Bilder auf riesige Papierrollen, die von den Stadtarbeitern überall in der Fußgängerzone ausgebreitet worden waren. Der Boulevard, heute oft Rua das Flores, Straße der Blumen, genannt, wurde schnell zum Herzen einer neuen Stadtlandschaft. Heute feiern Kinder jener Kinder jeden Samstagmorgen ein Malfest in Erinnerung an jene erste Malveranstaltung.[2]

 

1971, als Brasilien noch unter Militärdiktatur stand, hatte der Gouverneur des Bundesstaates Paraná jedoch einen 33 jährigen Architekten, Ingenieur, Stadtplaner und Humanisten namens Jaime Lerner zum Bürgermeister der Bezirkshauptstadt Curitiba gemacht. Der Gouverneur glaubte einen unerfahrenen für ihn ungefährlichen Mann ausgewählt zu haben, allerdings stellt sich schneller heraus, dass dieser charismatische, mitfühlende, visionäre junge Mann eine Führerfigur war. Am Ende ging er als der beliebteste Bürgermeister aller Zeiten mit 12 Dienstjahren in die Geschichte Brasiliens ein. In Brasilien kann man aber nicht 2-mal hintereinander Bürgermeister sein, so teilte er sich immer wieder mit drei anderen Amtskollegen diese Aufgabe. Die Effektivität, Logik und Resonanz von Lerners Politik sowie eine breite Unterstützung wurden durch eine vorhergehende heftige, öffentliche Debatte zwecks Bildung eines breiten und dauerhaften politischen Konsens ermöglicht. So wurde es möglich, dass sämtliche der sechs Bürgermeister von Curitiba nach 1971, obwohl sie politisch unterschiedlich orientiert waren, einer war sogar eine strikter Gegner von Lerner, an einer gemeinsamen Strategie festzuhalten und diese respektvoll weiterzuführen.

Curitibas bekannteste Innovationen liegen in seinem „Wachstum auf dem Pfad der Erinnerung und des Verkehrs“, wie Lerner es formuliert. „Erinnerung ist die Identität der Stadt, und Verkehr ist die Zukunft.“[3] Öffentlicher Verkehr ist nicht nur ein Mittel, um Menschen zu bewegen, sondern auch ein Mittel zur Steuerung der Flächennutzung und zur Kontrolle von Wachstumsmustern, indem man nicht nur auf Verkehrsouten und –arten, sondern auch auf Ausgangspunkte und Bestimmungsorte Einfluss nimmt. In vielen Städten, wie auch in Wien, hat man inzwischen zwecks Verbreiterung der Straßen zentral gelegene Gebäude aufgekauft und abgerissen nur um im Sinne der so genannten Stadterneuerung. Ebenso die überfüllten Autobahnen, die in trostlose, vom Verkehr erstickte Innenstädte führen. Im Gegensatz dazu hat Lerners Verwaltung sich für eine Anpassung der vorhandenen Straßen entschieden, der in der Stadt nur sehr wenige Gebäude zum Opfer fielen. In der Mitte jeder der fünf miteinander verbundenen Wachstumsachsen wurden drei parallele Hauptstraßen mit neuen Funktionen versehen um ein gesundes Wachstum zu unterstützen das eine polyzentrische Stadt schaffen soll. Die mittlere Linie ist dem innovativen Schnellbussen in beiden Richtungen sowie dem Anliegerverkehr vorbehalten. Aus den beiden anderen, macht man vielbefahrene Einbahnstraßen, die in die Innenstadt führen respektive aus ihr heraus. Dieses Schnellstraßensystem bewältigt das gleiche Verkehrsvolumen wie eine 60 Meter breite Stadtautobahn, indem es den Verkehr auf drei nebeneinander liegende Straßen verteilt. Die notwendigen Baumaßnahmen waren in nur 4 Jahren abgeschlossen. Jede Schnellbusspur befördert pro Stunde 20000 Passagiere. Das entspricht etwa der Menge einer U-Bahn. Tatsächlich ähnelt es stark einer U-Bahn, außer das es nur ein Hundertstel kostet und ein Zehntel eines oberirdischen Bahnsystems und brauchte für den Aufbau nur sechs Monate und keine ganzen Generationen. Rio de Janeiro hat U-Bahnen gebaut, die ein Viertel der Passagiere von Curitiba befördern, aber 200mal soviel gekostet hat. Durch die Vermeidung dieser riesigen Kapitalkosten und der nachfolgenden Betriebskosten konnte Curitiba stattdessen viel mehr Geld für gesellschaftliche Belange verwenden.

Die Achsenstraßen prägten die weitere Stadtentwicklung. Doch bevor das Gelände entlang der Transitstrecken erschlossen wurde und damit die Grundstückspreise in die Höhe schießen konnten, kaufte die Stadt in kluger Voraussicht umliegendes Land in ausgewählten Gebieten, um so einen erschwinglichen Zugang zu Arbeitsstellen, Geschäften und Erholungseinrichtungen sicherzustellen. Außerdem baute sie überall in den Vororten Schulen, Kliniken, Tagesstätten, Parks, Märkte sowie Kultur- und Sporteinrichtungen und schuf damit auf demokratische Weise Annehmlichkeiten, die zuvor nur denen zugänglich waren, die in die Innenstadt fuhren. Sie reduzierte dadurch die Notwendigkeit des Fahrens und stärkte die Wohnviertel der Außenbezirke, in denen sich ebenfalls eine große Vielfalt von Geschäften ansiedelte. Um soziale Gerechtigkeit und Integration zu fördern, wurde das gesamte Stadtgebiet durchsetzt mit kleinen, erschwinglichen Wohnanlagen. Die Pläne und Verordnungen für die Flächennutzung waren öffentlich und damit transparent zugänglich für jeden, so dass Unsicherheit vermindert und Grundstücksspekulationen der Boden entzogen wurde. Curitiba ist ebenso führend im Bereich des urbanen Recyclings und einem öko-sozialen Schulsystem das allen Kindern, vor allem auch den Armen, die Chance auf eine umfangreiche Schulbildung gibt.

 

Trennt man die einzelnen Fäden des verschlungenen Netzes von Innovationen in Curitiba einmal auseinander, lässt sich schnell die Wirkungsweise der Grundprinzipien des Öko-Kapitalismus auf besonders inspirierende Weise aufzeigen. Ressourcen werden sparsam eingesetzt. Neue Technologien werden benutzt. Unterbrochene Kreisläufe werden wieder geschlossen. Bei der Planung wird alles Schädliche vermieden und Gesundheit gefördert. Bei der Gestaltung wird mit der Natur nicht gegen sie gearbeitet. Der Maßstab der Lösungen entspricht dem Maßstab der Probleme. Ein kontinuierlicher Strom von Wert und Service belohnt alle, die an ständig wachsender Effizienz arbeiten. Da die Ausbildung Natur und Kultur wieder in den Alltag und das Arbeitsleben einbringt, wird die natürliche Welt und mit ihr die Gesellschaft und ihre dazugehörige Politik erreicht. Durch vielfältige Aktionen, Lernprogramme und Bewusstseinsbildung zunehmend geheilt. Denn Curitiba hat einen Weg sogar über den Öko-Kapitalismus hinaus gefunden, indem es dessen Prinzipien und Praktiken mit anderen ergänzt, die auf das hinarbeiten, was man als „menschlichen Kapitalismus“ bezeichnen könnte.

In Curitiba zeigen sich Resultate, wie man eine gesunde Ökossphäre, eine pulsierende, gerechte Wirtschaft und eine Gesellschaft, die die Menschlichkeit fördert, miteinander verbinden kann. Alles, was existiert, ist auch möglich. Curitiba existiert, deshalb ist es möglich. Seine Existenz trägt das Versprechen in sich, dass Curitiba die erste in einer Reihe von Städten sein wird, die das Wesen des städtischen Lebens neu definierten.


Literaturangabe:

Paul Hawken, Amory und Hunter Lovins: Öko-Kapitalismus: Die industrielle Revolution im 21.Jahrhundert – Wohlstand im Einklang mit der Natur

Bosten/Massachusetts, USA, 1999





[1] Öko-Kapitalismus, S.418-419

[2] Ebenda, S.420

[3] Ebenda, S.422

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Gast: Falscher Autor

Bitte tragt mich auch richtig ein! Simon the Ravager

Gast: Ausgezeichneter Artikel zu

Ausgezeichneter Artikel zu einem sehr interessanten Thema!