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Violencia

William lebt in der südkolumbianischen Provinzhauptstadt Pasto und hat ein klares Feindbild. Die marxistisch-leninistischen FARC-Rebellen sollten endlich bekommen, was sie seiner Meinung nach schon lange verdient haben: den entschiedenen militärischen Widerstand eines starken Staates.

Viele KolumbianerInnen sahen die Situation ähnlich und verhalfen so am 28. Mai dem rechtskonservativen Kandidaten Àlvaro Uribe zu seiner Wiederwahl. Obwohl die Guerilla die WählerInnen aufforderte für „jeden außer Uribe“ zu stimmen lag die Wahlbeteiligung bei nur 44%.

wie alles begann…

Um die Struktur des Konflikts genauer Untersuchen zu können ist ein kurzer Blick auf die geschichtliche Entwicklung dessen erforderlich. Den Begin des bis heute schwelenden BürgerInnenkriegs markierte, das Attentat auf den als Rechtsanwalt und Verteidiger von ArbeiterInnen und BäuerInnen geltenden Präsidentschaftskandidaten der liberalen Partei Jorge Eliécer Gaitán am 9. April 1948.

Seine Ermordung leitete eine Epoche ein, die in Kolumbien kurz und treffend als "Violencia" (Gewalt) bezeichnet wurde. Während dieser Phase wurden paramilitärische Todesschwadrone, welche bis heute verantwortlich für zahlreiche Massaker unter den LandarbeiternInnen sind, von Großgrundbesitzern gegründet und der bewaffnete Widertand der BäuerInnen organisierte sich nachdem Teile der Liberalen sowie die Kommunistische Partei zur Organisierung der Volksverteidigung aufgerufen hatten. Eine Reihe von unabhängigen Republiken entstand und stellte das Ziel paramilitärischer Angriffe dar, welche allerdings keine großen Erfolge verzeichnen konnten.

Durch die Ausrufung des "Plan LASO" (Latin-American Security Operation) durch das Pentagon wird im Mai 1964 der Startschuss zum Angriff des Militärs auf Marquetalia gegeben, das als agrarisch-politisches Projekt immer einflussreicher wurde. Erstmals geht das Militär unter Präsident Guillermo León Valencia mit der Strategie eines lang andauerndes Krieges und entsprechender Ausrüstung gegen die Selbstverteidigung der Bäuerinnen und Bauern vor. Außerdem erhielt das Militär das Recht SozialarbeiterInnen, GewerkschafterInnen oder sonstige Personen, die das Establishment nicht unterstützen und von denen behauptet wird, dass sie kommunistische ExtremistInnen seien zu bekämpfen und auszurotten.

und heute?

Die heutigen, sich selbst als marxistisch-leninistisch bezeichneten, Guerillabewegung FARC-EP (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens / Volksarmee) und ELN (Nationale Befreiungsarmee) gingen aus den sich damals neu ergebenden Gegebenheiten der militärischen Auseinandersetzung hervor. Ziel sollte eine revolutionäre Landreform und die die Verteidigung der Landbevölkerung sein. Die FARC-EP ist mit 17.000 KämpferInnen die größte Guerillaorganisation Kolumbiens und auch weit Einflussreicher als die 5000 KämpferInnen starke ELN.

Die 20.000 rechtsextremen Paramilitärs sind zwar über den Dachverband AUC (Vereinigte Bürgerwehren Kolumbiens) zusammenfasst, allerdings nicht einheitlich organisiert, da sie meistens von lokalen Großgrundbesitzern oder Drogenbaronen finanziert werden.

Der seit einem halben Jahrhundert dauernde BürgerInnenkrieg hat das kolumbianische Territorium mittlerweile so stark fragmentiert, dass es schwer fällt von einem kolumbianischen Staat zu sprechen. Nur etwa ein Drittel des Landes ist unter Kontrolle der Regierung, sodass diese noch heute alles andere als ein Gewaltmonopol besitzt. Viele ländliche Gebiete verfügen weder über Polizei noch BürgermeisterIn und unterliegen damit einer Art Selbstverwaltung, welche aber nur in seltenen Fällen Verbesserungen für die Bevölkerung bringt.

drogen und lösegeld

Die schwache wirtschaftliche Entwicklung sowie der ungleich verteilte Wohlstand begründen die wachsende Rolle Kolumbiens im internationalen Drogenhandel. Die Erfolge der Drogenbekämpfung in Peru und Bolivien führten in den 90er Jahren zu einer Wandlung Kolumbiens vom Zwischenhändler zum Drogenproduzenten. Mit der Zerschlagung der großen Drogenkartelle in den frühen Neunzigern wurden der Anbau und der Vertrieb der Drogen von den Konfliktparteien übernommen.

Die U.S. Regierung pumpt unter dem Vorwand der Drogenbekämpfung unentwegt Geld in den BürgerInnenkrieg. In ihren Augen sind die RebellInnen der FARC-EP und der ELN "Drogenterroristen", so dass man folglich die kolumbianische Armee im Kampf gegen sie unterstützen muss. Die Niederlage der FARC-EP und der ELN mit dem Untergang des kolumbianischen Drogengeschäfts gleichzusetzen ist allerdings eine zu vereinfachte Darstellung, da sowohl die Paramilitärs als auch Wahlkämpfe zahlreicher SenatorInnen und Kongressabgeordneter durch den Drogenhandel finanziert werden.

Ein weiterer "Wirtschaftszweig" zur Finanzierung von Guerillas und Paramilitärs sind Entführungen. Das erpresste Lösegeld dient der Finanzierung der Organisationen. Als Faustregel gilt: Entführt wird jeder, der etwas zu verlieren hat. Nur in wenigen Fällen sind die Entführungen politisch motiviert, um beispielsweise das gegenüberliegende Lager zu schwächen oder Forderungen gegenüber dem Staat durchzusetzen.

tot, verstümmelt und vergewaltigt aufgefunden

Frauen in Kolumbien müssen zusätzlich zu den anderen Gefahren des BürgerInnenkriegs mit der ständigen Gefahr vergewaltigt und/oder verstümmelt zu werden leben. Aus verschiedenen Gründen geraten Frauen ins Visier der Konfliktparteien, die damit unter anderem die Bevölkerung terrorisieren, Rache am Gegner üben oder „Kriegstrophäen“ sammeln.

Ein Beispiel für die Machtlosigkeit gegenüber den Tätern ist die Vergewaltigung zweier Mädchen im Alter von 16 und 17 Jahren durch zehn Soldaten der 4 Brigade der Armee im Verwaltungsbezirk Sonsón des Departements Antioquia. Nachdem die Jugendlichen und deren Familien die Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht hatten, wurde sie von den Tätern bedroht und die Behörden leiteten keine weiteren Schritte ein, sodass der Fall unbehandelt blieb.

politik des präsidenten alvaro uribe vélez

Trotz der Kooperation zwischen Militär und Paramilitärs und den von Armeeangehörigen verübten Verbrechen an der Zivilbevölkerung, kann sich der amtierende rechtskonservative Präsident Alvaro Uribe Vélez der breiten Unterstützung der WählerInnen für seinen harten, vor allem auf militärische Mittel setzenden Kampf gegen die linken RebellInnen sicher sein.

Das fehlen einer starker Organisation der arbeitenden Menschen, die hohen Gewinne aus dem Drogenhandel und die U.S. amerikanische Unterstützung für eine militärische Lösung des Konflikts lassen eine Verbesserung der Situation für die breite Masse der KolumbianerInnen in weite Ferne rücken.

Kolumbien im Überblick

Fläche: 1.138.910 km²
Einwohnerzahl: 41.242.948
Bevölkerungsdichte:

37 Einwohner/km²


Opfer/Jahr 25.000 bis 35. 000
Entführungen/Jahr 3.500 bis 4.000
Größe des Millitärs
200.000
GuerillakämpferInnen 25.000
Paramilitärs 20.000
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